Islamic State – The Digital Caliphate. Sachbuch.
Abdel Bari Atwan, Saqi Books, Mai 2015

Islamic State

Der islamische Staat beherrscht mit seinen Gräueltaten die Medien. Abdel Bari Atwan schreibt seit über zwanzig Jahren über den Nahen Osten, er hat den Aufstieg der Djihadisten verfolgt und in diesem Buch gibt er dem Leser einen Überblick über den islamischen Staat (IS), seinen Aufstieg, seine Methoden und Ziele.

Köpfen, lebendig verbrennen, versklaven, all diese Gräuel des islamischen Staates sind nicht zufällig, sondern geplante Politik dieser Gruppe. Mit immer neuen Brutalitäten sichert sich IS die Schlagzeilen, wurde bekannt und kann so immer neue Gotteskriege anziehen. Alles andere als eine mittelalterliche Splittergruppe weiß IS die Medien und die neuen Techniken von Facebook über Twitter bis zu den Möglichkeiten der spurenlosen Internetnutzung für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Doch der Terror soll nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen und die eigene Gruppe unter den Muslimen ins rechte Licht rücken. Er soll auch die Feinde so einschüchtern, dass niemand mehr Widerstand wagt. Wie wirkungsvoll diese Taktik ist, zeigt die wiederholte Flucht irakischer Soldaten, die ihre Waffen und Uniformen wegwarfen. Verständlich, denn IS vergibt nicht. Gegner, die in ihre Hände fallen, erwartet lebendig begraben zu werden, der Genickschuss oder das Verbrennen. Und auch Muslime mit anderer Koranauslegung haben im IS keine große Lebenserwartung.

Mit diesen Methoden hat es IS geschafft, die Konkurrenz unter den Gotteskriegern auszuschalten. Al Quaida hat seine Faszination seit Bin Ladens Tod verloren, die Djihadisten aller Couleur strömen jetzt dem selbsternannten Kalifen zu. Von Boko Haram in Nigeria über den Jemen und Nordafrika bis zu Indonesien haben die Führer anderer Organisationen dem Kalifen Treue geschworen. Der Tod von Bin Ladem hat eine neue, viel gefährlichere Gruppe zur Spitzenstellung verholfen.

Abu Bakr al Baghdadi nennt sich der neue Kalif, angeblich ist er ein Nachfahre Mohammeds und stammt aus dessen Stamm, was seinem Anspruch, über alle Gläubigen zu herrschen, weiteren Nachdruck verleiht. Doch so überraschend, wie er in den westlichen Medien auftauchte, ist sein Aufstieg nicht, und wer den Hintergrund wissen will, der erfährt es in diesem Buch.

Begonnen hatte es in Afghanistan. Als die Sowjetunion dort einmarschierte, unterstützten die USA, der pakistanische Geheimdienst und vor allem die Saudis die Aufständischen und insbesondere die religiösen Gruppen. Schließlich waren die Sowjets Atheisten, die Glaubenskrieger also Feinde der Kommunisten und der Feind meines Feindes ist mein Freund, nicht wahr? In den Moscheen in Saudiarabien wurde zum heiligen Krieg aufgerufen, weit über zehntausend Saudis zogen nach Afghanistan. Für das Königshaus hatte das einen angenehmen Nebeneffekt: Es wurde die radikalen Islamisten los, die ihr Regime bedrohten. Die USA lieferten Waffen und bildeten aus, Pakistans Geheimdienst, eine Hochburg islamischer Fanatiker, lieferte Konzepte und Rückzugsgebiete und die Sowjetunion erlebte ihr Vietnam.

Doch die Glaubenskrieger waren nach dem Untergang des Kommunismus nicht bereit, die Waffen niederzulegen. Ihr Ziel, eine streng islamische Gesellschaft nach dem (angeblichen) Muster der Gesellschaft Mohammeds zu schaffen, verfolgten sie weiter. Und das Leben als Krieger hatten sie lange geführt und nur wenige von ihn waren bereit, das aufzugeben.

Die Geister, die sie riefen, wurden sie nun nicht mehr los. Al Quaida wendete sich jetzt dem nächsten westlichen Gegner zu. Mit dem Angriff auf die Zwillingstürme am 11.9. erwarben sie sich Reputation unter den radikalen Muslimen.

Dann marschierten die USA in den Irak ein, der Fall Saddam Husseins öffnete die Grenzen für die Glaubenskrieger, und die Offiziere und anderen Gefolgsleute Saddams wurden entlassen. Heute dienen sie in der Armee des IS und sind einer der Gründe, warum diese Armee denen der anderer Gruppen und des irakischen Staates haushoch überlegen ist.

Die arabische Revolution wurde im Westen bejubelt und viele Araber setzten große Hoffnungen darein. Gleiches galt für die Proteste in Syrien, erst friedlich, dann mit Waffen sollte Assad gestürzt werden. Einer der grausamsten Diktatoren war er, den konnte der Westen nicht unterstützen. Doch gerade dieser Krieg nutzte den Vorläufern des IS. Heute scheint IS die einzige Kraft zu sein, die Assad stürzen und die einzige, die das korrupte schiitische Regime in Bagdad in die Knie zwingen kann. Wen wundert es, dass soviele Schiiten sich auf die Seite des neuen Kalifen schlagen? Dass IS obendrein die einzige Kraft zu sein scheint, die wieder Ruhe und Ordnung in das Bürgerkriegschaos bringen könnte, kommt dazu. Das Buch schildert detailliert und mit vielen Quellenangaben diese Ausgangslage.

Auch das ist durchaus geplante Strategie: Chaos schaffen, damit die eigene Gruppe als einzige Möglichkeit dasteht, wieder ein friedliches Leben zu garantieren. Die Nazis haben die gleiche Methode benutzt und damit ebenfalls Erfolge erzielt. Auch sie benutzten die modernen Kommunikationsmittel (damals das Radio) geschickt und beriefen sich gleichzeitig auf die glorreiche Vergangenheit. Nur waren es in Deutschland die Germanen, deren Leben als Vorbild dienen sollte.

Natürlich ist die Theologie des neuen Kalifen und seine Koranauslegung nicht unumstritten. Hunderte muslimische Theologen haben heftigst widersprochen. Leider sind viele junge Muslime durch die alten Theologen gar nicht mehr erreichbar, für sie sind der neue Kalif und die radikalen wahabitischen Prediger die Stars. Angeblich verehren mehr als 90% der Saudis den neuen Kalifen, zum Schrecken des Königshauses, das die Unterdrückung jeder eigenen Meinung deshalb noch einmal verschärfte. Dabei waren es die Saudis, die anfänglich IS und seine Vorläufer finanziert haben.

Die Theologie Abu Bakrs ist nicht neu. Saudi Arabien hat jahrzehntelang überall in der Welt tausende Medressen, Moscheen und Schulen gegründet und unterstützt, die die radikale wahabitsche Koranauslegung verbreitet haben. Sie bezieht sich auf die Koransuren und Hadithe aus der Kriegszeit Mohammeds. Theologen, die darauf hinweisen, dass das historisch bedingte Aussagen sind, die man nicht einfach so übernehmen könne, haben keine große Lebenserwartung. Den Mullah der Moschee, in der er sein Kalifat verkündete, ließ Abu Bakr vorher köpfen, wie auch alle anderen, die ihm und seiner Koranauslegung nicht Treue schwören wollten.

Auch die Rolle der Wahabiten und deren Koranauslegung schildert das Buch anschaulich. Es findet sich eine Fülle von Material zur Geschichte des nahen Ostens und des Islams. Leider ist es nicht optimistisch. Nicht nur die USA, sondern auch die anderen Mächte, Saudis, Iran, Schiiten, Saddam, Assad, sie alle haben mit ihren jeweiligen Eigeninteressen dazu beigetragen, dass die Region im Chaos versank – und so dem IS das Wachsen ermöglicht.

Nicht nur Männer folgen dem Aufruf zum Glaubenskrieg. Angeblich sind 20% Frauen, die entweder selbst kämpfen wollen – oder sich einen Glaubenskrieger als Mann wünschen. Oft als Flucht aus einem strengen Elternhaus, aus Abenteuerlust. Die unterschiedlichen Motive, die Männer und Frauen um die Zwanzig, zum Teil aber auch jünger, in die Arme Kalifats treibt, werden an vielen Beispielen im Buch erläutert. Abenteuerlust, das Gefühl, etwas sinnvolles zu tun, das eigene Scheitern in der westlichen Welt, Kämpfen, als reales Abenteuerspiel, die Motive sind unterschiedlich.

Dabei sind die Glaubenskrieger aus dem Westen durchaus nicht frei von den westlichen Vorlieben. Eine wirbt im Internet mit ihrem Schokoladenkuchen mit M&M, andere sehnen sich nach Nutella und Marmite.

Atwan gibt keine Patentrezepte. Vielmehr sagt er aufgrund seiner Analyse, dass das Kalifat und der Bürgerkrieg noch viele Jahre erhalten bleiben werden. Und er beschreibt das Dilemma des Westens, der aufgrund der eigenen moralischen Ansprüche eine brutale Kriegsführung wie IS nicht führen kann – und meist auch nicht will. Abu Graib war schlimm genug, aber nichts, was Glaubenskrieger schrecken könnte. Jede Verschärfung der Gesetze, alle erweiterten Rechte für Geheimdienste und Polizei bergen die Gefahr, dass sich noch mehr Muslime an den Rand gedrängt fühlen und ihr Heil in Mossul suchen, so dass der Westen noch mehr in die Defensive geraten würde.

Ich weiß nicht, wie ich entschieden hätte, wenn ich die Außenpolitik hätte bestimmen können. Vermutlich genauso falsch, wie all die Politiker, deren Aktionen in dem Buch beschrieben werden. Ein wenig lässt mich das bescheiden werden. Verschwörungstheorien und moralische Entrüstung ärgern mich mittlerweile. Diese Selbstgerechtigkeit derer, die hinterher immer alles besser wissen und den moralischen Zeigefinger erheben, hilft nichts. Übrigens ist der zum Himmel erhobene Zeigefinger das Zeichen der IS.

Eines lässt sich dem Buch auch entnehmen. Die Gefahr, dass der IS Anschläge plant, ist im Moment eher gering. Ihre Propaganda zielt darauf, Glaubenskrieger in den nahen Osten zu locken, damit sie als Selbstmordattentäter dort verheizt werden können. Wer zurückgeht, ist ein Fahnenflüchtiger, ein Verräter, und darauf steht der Tod.

IS setzt sich immer ein konkretes Ziel, verzetteln ist nicht seine Art. Erst einmal Irak und Syrien, dann Saudi Arabien mit Mekka und Medina, den heiligen Stätten. Und dann sehen wir weiter, dann werden wir Europa überrennen. So das Konzept. So werden weiterhin vor allem Muslime die Opfer der Gotteskrieger werden. Dennoch: Denen, die nicht die Reise ins Kalifat auf sich nehmen wollen, um als Martyrer zu sterben, rät der Kalif, doch wenigstens in den westlichen Staaten ein paar Ungläubige mit dem Auto tot zu fahren.

Ein ausführlicher Index zum Nachschlagen und ein genauer Nachweis der Quellen tragen dazu bei, dass das Buch eines der besten Werke über den IS ist, das ich kenne.

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