Der Terror ist unter uns. Sachbuch.
Peter R. Neumann, Ullstein 2016

Der Terror ist unter uns

»Wie und warum wird ein junger Mensch aus Europa zum Terroristen? Woher die Brutalität, die Bereitschaft zum Einsatz extremer Gewalt? Wer oder was hatte Schuld? Hätte man die Radikalisierung verhindern können? Warum gab es sowenig Widerspruch - niemanden, der sich den Mördern in den Weg stellte? Es sind dieselben Fragen, die nach jedem Anschlag und bei jedem Täter diskutiert werden. Und um diese Fragen geht es in diesem Buch.«

Peter R. Neumann forscht schon seit langem über Terror und Terroristen. In diesem Buch hat er zusammengetragen, was die Wissenschaft über Terror weiß. Und was die Gründe sind, dass junge Menschen (vor allem Männer) von Terror und Gewalt fasziniert werden, sich terroristischen Gruppen anschließen und selbst Gräueltaten begehen.

Terror in Europa ist nicht neu - Neumann vergleicht zum Beispiel Lenny Murphy, der in den Siebzigern zwei Dutzend Katholiken umbrachte als Rächer der Protestanten, mit „Jihadi John“, der 2014/15 vor laufender Kamera Menschen enthauptete.

Fünf Bausteine diskutiert Neumann im ersten Teil, die sich - mehr oder weniger stark - bei jedem Terroristen finden lassen. Frust, das Gefühl abgehängt zu sein; der Drang etwas Bedeutendes zu tun; Ideen, die jedes Mittel heiligen; Freunde und Gruppen, die einen mitreißen; Gewalt, die viele fasziniert sind diese Bausteine.

Aber während sich durchaus bei den Terroristen Gemeinsamkeiten finden lassen, heißt das nicht, dass es eine „Wenn - dann“ Regel gibt. Der IS rekrutiert viele Kleinkriminelle mit islamischen Elternhaus für seinen Dschihad. Aber auf einen, der so zum heiligen Krieg findet, gibt es Tausende in der gleichen Situation, die weiter Drogen vertickern, Einbrüche begehen, aber keine Anschläge verüben. Es gibt keine Prognoseregeln, wer zum Attentäter werden wird.

Im zweiten Teil untersucht das Buch die Trends, stellt die Biografie einer ganzen Reihe von Dschihadisten vor und diskutiert die Möglichkeiten der Prävention und Deradikalisierung. Dabei räumt es mit einigen sehr beliebten Vorstellung auf. Zum Beispiel dem „einsamen Wolf“, der sich in seinem Zimmer nur durch das Internet radikalisiert hat. Bei den Allermeisten, die anfänglich, wenn man noch nichts über sie weiß, von den Medien als „einsame Wölfe“ bezeichnet werden, stellt sich nach genauerer Untersuchung heraus, dass sie vorher durchaus Kontakte zu radikalen Gruppen hatten und auch mit Freunden über ihre Pläne sprachen.  Eine der wenigen Ausnahmen war Andreas Breivik, der in Oslo 77 Menschen abschlachtete.

Auch ist nicht jeder IS-Täter vorher Kleinkrimineller gewesen. Jihadi John, der wohl bekannteste englische Dschihadist, hatte Wirtschaftsinformatik studiert und sein Chef beschrieb ihn als „den besten Angestellten, den ich jemals hatte“.

Der Islam liefert zwar heute die größte Terrortruppe, aber hat keineswegs ein Monopol. Als 1968 erstmalig eine Liste von Terrorgruppen erstellt wurde, fand sich keine einzige islamische darunter. Andreas Baader, der mit der RAF in den Siebzigern die Bundesrepublik in Atem hielt, hatte sich auf den Marxismus, nicht auf irgendeine Religion berufen. Sieht man sich allerdings seinen Werdegang an, seine Vorliebe für Action und Gewalt, dann könnte es gut sein, dass er, würde er heute leben, beim IS aktiv wäre. Rund 20% derer, die aus Deutschland in den Heiligen Krieg nach Syrien ziehen, kommen nicht aus Migrantenfamilien, hatten keine islamischen Eltern.

Noch vor drei Tagen bin ich in Potsdam durch den Weihnachtsmarkt geschlendert. Mittlerweile wurden auf einem Berliner Weihnachtsmarkt zwölf Menschen bei einem brutalen Anschlag mit einem LKW getötet, in Düsseldorf ein Hotel angezündet und Rechtsextremisten feierten davor.

Dass das Angst macht, ist verständlich. Wir haben in Deutschland einige sehr friedliche Jahre erlebt. Aber vergessen wir nicht, dass es Terroranschläge immer gegeben hat. Beginnend von den anarchistischen Tätern über RAF, rote Zellen bis zu dem IS und den Neonazis heute.

Sowohl IS wie Neonazis und Pegida wollen die Gesellschaft spalten, Hass säen. Beide spielen sich die Bälle zu, in der Hoffnung, dass die Angst ihnen die Leute in die Arme treibt. Ein Grund, dass man gegen diese Hasstäter und ihre Hintermänner, die Hassprediger, vorgehen muss. Aber keiner, dass man sich ins Bockshorn jagen lassen sollte. Wir haben unendliches Glück in Deutschland in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder seine Meinung sagen darf und sozial Schwache abgefangen werden. Genau das wollen die Hassprediger und ihre Handlanger abschaffen und stattdessen den Bürgerkrieg säen.

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