Lost in Fuseta: Ein Portugal-Krimi.
Gil Ribeiro, KiWi 2017


Lost in Fuseta

Liebeserklärung mit Krimihandlung

Der deutsche Polizist Leander Lost gerät im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms an die östliche Algarve, nach Fuseta, ins Gebiet dicht an der Grenze zu Spanien, dem die große Lagune vorgelagert ist, aus der das Naturschutzgebiet "Ria Formosa" hauptsächlich besteht, weshalb der Massentourismus seine Tentakel noch nicht in diese Region ausgetreckt hat. Was Leander Lost nicht weiß: Die Kollegen aus Hamburg wollten ihn nur loswerden, er ist quasi weggelobt worden. Was die Kollegen in Portugal nicht wissen: Lost ist Asperger-Autist. Er ist unfähig, zu lügen, er kann menschliche Mimik nicht interpretieren, er benötigt viele Rituale, um sich sicher zu fühlen, und er verfügt über ein eidetisches Gedächtnis: Kurze visuelle Eindrücke genügen, damit sich Leander Lost komplexe Szenen detailgenau merken kann.

Praktisch direkt nach der Ankunft wird der "alemão" in die Ermittlungen zu einem Todesfall einbezogen - ein Privatdetektiv wurde erschlagen auf einem Boot gefunden. Als die Polizisten wenig später das Büro des Detektivs begutachten wollen, überraschen sie dort einen Einbrecher, der kurzerhand Losts neuen Kollegen Carlos Esteves als Geisel nimmt und mit der Waffe bedroht. Lost fackelt nicht lange - und schießt auf das Bein des Polizisten. Die Vernunft gebot schließlich, die Verletzung des Kollegen in Kauf zu nehmen, um den Geiselnehmer in die Schusslinie zu bekommen. Den portugiesischen Polizisten gefällt das krass-vernünftige Manöver allerdings kaum, obwohl es funktioniert hat, und sie wollen den merkwürdigen Deutschen, der auch noch im schwarzen Anzug herumläuft, schnellstmöglich wieder loswerden. Bis sie begreifen, über welche besonderen Eigenschaften der schlanke, eigenartige Mann verfügt. Und dass er eigentlich ein recht netter Typ ist, auf seine sehr spezielle Art.

"Lost in Fuseta" ist nur in zweiter Linie ein Krimi, obwohl es mehrere Morde und finstere Machenschaften gibt, die Leander Lost, der angeschossene Sub-Inspektor Esteves und dessen Kollegin Graciana Rosado aufzuklären haben. In erster Linie ist dieser dritte Roman des aus guten Gründen sehr erfolgreichen Drehbuchautors Holger Karsten Schmidt, der hier unter einem Pseudonym auftritt, eine Liebeserklärung: An das Portugal, das bislang von den EasyJet-Horden verschont blieb, an die portugiesische Lebensart, den freundschaftlichen und familiären Umgang dort, an die Langsamkeit, die Esskultur, die Landschaft - und ein wenig auch an den ortsüblichen Stoizismus und Durchhaltewillen. Insofern, insbesondere aber in Bezug auf die titelgebende Hauptfigur ist "Lost in Fuseta" außerdem eine Liebeserklärung an die besonderen Menschen, an die man sich vielleicht nicht so schnell gewöhnt, die aber eine umso höhere Belohnung für die Geduld bereithalten. Damit sind durchaus auch die Portugiesen gemeint, aber eben nicht nur.

Gil alias Holger ist ein liebenswürdiges und spannendes Buch gelungen, das sich wohltuend vom Krimi-Einerlei abhebt, weil die Geschichte von den Figuren vorangetrieben wird - und eben nicht vom simplen Whodunnit. Fein!

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pfeil Übersicht: Tom Liehr

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Tom Liehrs aktuelle Veröffentlichung:
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Rowohlt Taschenbuch Verlag, Oktober 2016
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