Kontrolle. Roman.
Robert Charles Wilson, Heyne 2017


Kontrolle

Enttäuschte Hoffnung

Es sind DIE beiden Namen der letzten Jahre, wenn es um zeitgenössische, unterhaltsame, nicht zu verkopfte Science Fiction geht: John Scalzi und Robert Charles Wilson. Aber der eine, Scalzi, hat nach dem Erfolg mit "Krieg der Klone" nur noch lahme Selbstplagiate vorgelegt, und Wilson liefert seit "Spin" ein ähnliches Bild. Die Debüts enthielten tolle Ideen, waren großartig erzählt, markierten zwar keine Revolutionen, aber dennoch belebende Ereignisse innerhalb dieses Genres, das nach Dan Simmons' Geniestreichen der Neunziger und abseits von Peter F. Hamiltons opulenten, klugen Space Operas eher vor sich hin dümpelt, umso mehr nach dem Tod von Iain Banks. Doch die Hoffnung, die mit den neuen Namen einherging, relativierte sich alsbald. Und überhaupt: Alle Welten sind erdacht, alle Schöpfungen kreiert, alle Kriege ausgefochten. Den Rest teilen die Headwriter von Star Trek und Star Wars unter sich auf.

Wir schreiben das Jahr 2014, aber die vergangenen 100 Jahre sind anders verlaufen als in der jüngeren Menschheitsgeschichte, wie wir sie kennen. Im Jahr 1914 des Romans entdeckten Forscher eine "Radiosphäre", eine unsichtbare Hülle um die Erde herum, die alle elektromagnetischen Wellen transportiert und reflektiert. Dadurch wurde es möglich, Telekommunikation aller Art weltweit ohne großen Aufwand zu übermitteln, weshalb auch sämtlicher Nachrichtenaustausch auf dieses System ausgerichtet wurde, vom Ortsgespräch bis zur internationalen Fernsehsendung. Was nur ein paar wenige erst vermuteten und dann im Geheimen bewiesen: Diese Radiosphäre ist lebendig, stellt eine extraterrestrische Schwarmintelligenz dar, die eine vermeintlich gefährliche Symbiose mit der Menschheit eingegangen ist. Sie verfälscht die Informationen marginal, aber zweckbestimmt. Die Tatsache, dass die Menschheit seit fast 100 Jahren in Frieden lebt, sich aber auch nicht entscheidend fortentwickelt hat, ist diesem Umstand zu verdanken: Die Lebewesen, die die Radiosphäre bilden, deckeln quasi Fortschritt und Aggressivität, indem sie die Nachrichten manipulieren. Weil die Boshaftigkeit sanft aus der Kommunikation entfernt wird, kommt sie auch bei den Menschen nicht an. Über die zweifelhafte Logik dieses Ansatzes muss man nicht groß diskutieren - entweder, man nimmt ihn hin und lässt sich auf den Roman ein, oder man feuert das - übrigens nicht sehr schön gestaltete - Taschenbuch gleich in die Ecke.

Jene, die das Geheimnis der verfälschten Kommunikation entdeckt hatten, vornehmlich Wissenschaftler, organisierten sich in der so genannten Korrespondenzunion. Da sich die Schwarmintelligenz aber auch in menschlichen Leibern festsetzen konnte, die nur daran zu erkennen waren, dass sie - Achtung! Originalität! - eine grünliche Gallertmasse absonderten, wenn sie stärker verletzt wurden, wurde vom Radiosphäre-Lebewesen eine Attentatsserie initiiert, im Rahmen derer im Jahr 2007 ziemlich viele Korrespondenzunionisten massakriert wurden. Und jetzt, im Jahr 2014, geht es offenbar von vorne los. Die junge Cassie, deren Tante der Korrespondenzunion angehörte, entkommt vermeintlich einem Anschlag durch einen solchen Symbionten, schnappt sich ihren jüngeren Bruder Thomas und macht sich mit ein paar anderen auf den Weg in die Südstaaten, um den sagenumwobenen ehemaligen Chef der Verschwörer zu finden. Der, um es kurz zu machen, längst eine Waffe gegen den Schwarm entwickelt hat. Und außerdem gibt es innerhalb des Schwarms Parasiten, die auch gegen ihn kämpfen. Ach so, und natürlich sind ein paar von den Mitstreitern am Ende dann doch keine echten Menschen.

Immerhin, in diesem Roman geht es um etwas, nämlich um die Frage, was wichtiger ist, Frieden oder Fortschritt. Oder Frieden oder Freiheit, wie man will. Wilson bleibt die Antwort schuldig, was zugleich die einzig sinnvolle Antwort ist. Am Ende, als wenig überraschend wenigstens vorübergehend ein Sieg gegen die Radiosphäre errungen ist, brechen sofort kriegerische Auseinandersetzungen aus. Ganz genau wie nach dem Ende der Sowjetunion und dem Zerfall Jugoslawiens, was aber die Knechtschaft und Unterdrückung vorher nicht nachträglich rechtfertigt. Deshalb kämpfen die Menschen (jedenfalls ein paar, letztlich eine Handvoll) in Wilsons Roman auch gegen die Radiosphäre, obwohl sie nicht genau wissen, worin die Gegenleistung besteht, die die Menschheit - ohne es zu wissen - erbringt. Letztlich übrigens eine Harmlosigkeit. Wie das ganze Buch, das sich wie eine endlos gedehnte, ziemlich dürftige Kurzgeschichte liest, sehr harmlos ist. Die Idee ist wichtiger als die Figuren, trägt aber nicht. Es gibt keine Identifikation, kaum humane Konflikte, keine Spannung: Es passiert kaum etwas zwischen Exposition und dem vorhersehbaren Ende. Bleibt eine lahme, altbacken daherkommende Schreibübung, basierend auf etwas, das ein wenig an "Spin" erinnert, auf keinen Fall weitergedacht werden darf, als Wilson im Roman zulässt, aber trotzdem oder gerade deswegen nicht so recht funktionieren will, dazu ausgestattet mit unsympathischen, blassen Figuren, die umso mehr die Dürftigkeit der Geschichte hervorheben. Schade. Wie Scalzi zuletzt mit "Redshirts" und "Das Syndrom" beweist auch Wilson einmal mehr, dass die Science Fiction, die auf solchen klassischen Plots basiert, offenbar am Ende ist. Und dass die Hoffnung zum Beispiel auf diese beiden eine trügerische war.

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pfeil Übersicht: Tom Liehr

Landeier

Tom Liehrs aktuelle Veröffentlichung:
LANDEIER.
ROMAN.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Oktober 2016
ISBN: 978-3499290428
EUR 14,99

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