Die Terranauten. Roman.
T. C. Boyle, Hanser 2017

Die Terranauten

Soap unter Glas

Mit diesem Roman nimmt Tom Coraghessan Boyle die vorübergehend leicht vernachlässigte Tradition wieder auf, wahre Geschichte(n) fiktional zu verbrämen und neu zu erzählen. Das war schon immer das, was er am besten gemacht hat, aber es ist leider auch schon das Beste, was man über dieses Buch sagen kann. Und die schon seit längerer Zeit vernachlässigte Tradition, diese Geschichten auf amüsante Weise neu zu erzählen, nimmt er leider auch mit diesem Text nicht wieder auf.

Anfang der Neunziger wurde in Arizona ein seltsamer Gebäudekomplex geschaffen, der hauptsächlich aus einem überdimensionalen, verschachtelten Terrarium bestand, einer mehr als 200.000 Kubikmeter (um)fassenden Konstruktion aus Metall, Glas, Stein, Sand und viel, viel Flora und Fauna, hermetisch abgedichtet und technologisch so ausgestattet, dass vermeintlich ein selbsterhaltendes System entstand, von der externen Stromversorgung abgesehen. In der Folge sollten jeweils im Zwei-Jahres-Rhythmus acht neue Forscher - so genannte "Terranauten" - in diese Konstruktion einziehen, um vollständig abgeschottet und selbstversorgend den Beweis anzutreten, dass eine künstliche Biosphäre möglich ist, also ein autarkes System, wie man es beispielsweise benötigen würde, um den Mars oder andere Planeten zu besiedeln - oder auf gewaltigen Raumschiffen lange Fernreisen zu unternehmen. Seinerzeit scheiterte der Beweis. Die ersten acht Terranauten hielten zwar zwei Jahre durch, dem System musste aber Sauerstoff hinzugefügt werden, außerdem wurde eine verletzte Frau in der Außenwelt medizinisch versorgt und brachte von ihrem Trip nach draußen allerlei mit. Der zweite Versuch scheiterte nach sechs Monaten, und inzwischen ist das Projekt - das ursprünglich auf nicht weniger als 100 Jahre angelegt gewesen ist - vollständig aufgegeben. Damals hatte übrigens Stephen Bannon die Leitung der "Biosphäre 2" inne, der rechtsextreme "Breitbart"-Betreiber und politische Berater des aktuellen Oberhonks der U. S. of A. Im Buch nennt Boyle diese Figur "GV" - für "Gottvater" -, einen manipulativen, egozentrischen und fast schon auf absurde Weise erfolgsorientierten Narzissten.

Aus der Perspektive dreier Beteiligter erzählt Boyle nun einen Teil dieser Geschichte nach, wobei er sich grob an den tatsächlichen Geschehnissen orientiert, aber auch einige bekanntgewordene Episoden verarbeitet. Damals war das Projekt zunächst eine Sensation, die Terranauten gerieten schnell zu Medienstars, was auch nötig war, denn man benötigte öffentliches Interesse und zahlende Zuschauer, um das teure System zu finanzieren. Allerdings klang damals wie auch im Roman das allgemeine Interesse schnell wieder ab, denn abgesehen davon, dass die Eingeschlossenen aufgrund der aufgezwungenen Diät immer schmaler wurden, geschah nicht viel, das man durchs Besucherfenster oder per Telefoninterview dokumentieren konnte. An diesem Problem krankt übrigens auch der Roman - unter anderem. Außerdem wurde die wissenschaftliche Bedeutung des Experiments von vielen Experten angezweifelt, vor allem natürlich nach der Unterbrechung des Einschlusses.

Boyle konzentriert sich auf zwei Frauen und einen Mann, die er im Wechsel ihre Geschichten erzählen lässt. Beide Frauen sind Kandidatinnen für die Nutztierverantwortlichkeit, aber nur eine, die vermeintlich hübschere, medientauglichere - Dawn -, darf zu Beginn unter Glas, während die andere - Linda - draußen bleiben und in der Mission Control darauf hoffen muss, beim nächsten Mal dabei zu sein. Der Mann - Ramsay - ist ein selbstdarstellerischer Beau, von Anfang an verschossen in Dawn, aber er steigt zunächst mit der älteren Gretchen, die fürs Agrare zuständig ist, ins Bett. Der Biosphärentechniker Düsentrieb ist auch scharf auf Dawn. Bei Troy - welche Aufgabe der auch immer hat - weiß man nicht so recht, von der anderen Figur habe ich den Namen vergessen. Ricarda oder Bianca oder so. Außerdem ist da noch Richard, der Arzt, auch älter, aber nicht weniger heiß auf die hübsche Dawn.

Eigentlich - eigentlich bietet die Ausgangssituation ein tolles Setting. Acht Leute unter Glas, einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, aufeinander angewiesen, dabei zugleich Pioniere, Entdecker und Forsche - und jederzeit unter massiver Beobachtung. Was hätte man daraus machen können. Aber Boyle wollte sich nicht allzu weit von den Realitäten entfernen, und die waren eben eher unspektakulär. Man verrichtete seine Arbeit, hungerte, wurde durch die Medien gereicht und von der Projektleitung angetrieben. Wenn es Skandale gab, dann eher überschaubare. Da die Figuren des Romans so dicht - vermutlich zum Verwechseln dicht - an diesen realen Vorbildern sind, hält sich der Autor damit zurück, ihnen üble Eigenschaften, schräge Gedanken oder abwegige Verhaltensweisen anzudichten. Die Krisen sind überwiegend rein moralische, es menschelt, die Mägen grummeln. Bis sich Dawn und Ramsay endlich finden und damit das gesamte Projekt gefährden. Mehr oder weniger.

"Die Terranauten" ist sehr brav erzählt, völlig unspektakulär, sehr vorhersehbar und nur mäßig unterhaltsam. Die wissenschaftlichen Aspekte, die essentielle Besonderheit der Versuchsanordnung, Gedankenspiele mit den Hintergründen, die Bedeutung des Projekts und vieles mehr blendet Boyle völlig aus, reduziert das ganze auf acht (bzw. drei) Menschen unter besonderen Bedingungen. Leider sind diese Menschen weit weniger besonders. Der Mann ist hormongesteuert, die eine Frau ist neurotisch, die andere eifersüchtig. Über die Biosphäre selbst, ihre Technik und Struktur erfährt man vergleichsweise wenig. Was bleibt, ist eine etwas niveauvollere, routiniert heruntererzählte, aber bedeutungslose Soap unter Glas, die über weite Strecken entsetzlich langweilt.

Das Buch bei Amazon

zurück

pfeil Übersicht: Tom Liehr

Landeier

Tom Liehrs aktuelle Veröffentlichung:
LANDEIER.
ROMAN.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Oktober 2016
ISBN: 978-3499290428
EUR 14,99

Das Buch bei Amazon

 

©Tom Liehr - http://www.tom-liehr.de - Kontakt